Pressestimmen
Die Gedichte setzen den Banalitäten der Gegenwart Ideen und Werte entgegen, die fremd wirken, weil sie seit der Romantik vergessen schienen. War die Moderne auf Bruch und Demontage der Tradition aus, bieten Christophe Frickers Gedichte Denkanstöße zu Sinnfindung und Halt. Der Autor, der heute an der Duke University/USA lehrt, geht dem Verhältnis von erotischer Anziehung und Sprache nach. Wo Steffen Popp in unaufhörlichen Sprachbewegungen vorwärts drängt, hält Christophe Fricker mitten im ikarus’schen Steigen und Fallen inne – nicht nur im Kapitel über neue Mythen. “Ich schlafe am Vormittag wie in einer Elegie”, bekennt das lyrische Ich und widmet sich im Traum dem Wesen und den Defiziten des modernen Menschen, der im Universum verloren scheint ohne göttlichen Heilsplan.
Frickers Verse bedenken episodisch, in Sentenzen und sparsam eingesetzten Als-ob-Simulationen die Chancen sinnerfüllten menschlichen Lebens – eingebettet ins Unendliche und in Gottes Schöpfung. Wie bei den Romantikern scheinen die Grenzen zwischen Freundschaft und Liebe fließend. Herz und Gefühl sind Trumpf, doch bescheint die sinkende Sonne in etlichen Versen betrübliche zeitgenössische Verhaltensweisen. Gesellschaftliche Konventionen sind in oberflächlichen Ritualen erstarrt, in denen Tugenden wie Wahrheitsliebe, Ehrlichkeit und Mut keinen Platz mehr haben. Diese Verse setzen Zeichen gegen beständig dahindümpelnde Schreckensbilder. Der Dichter wehrt sich gegen das Propagieren immer neuer Aufbrüche, die kein wirkliches Neubeginnen einleiten. Fragend kreist er rastlose Erneuerungszwänge ein und Schwindelerregendes, dem es an Tiefe fehlt. Das Paradoxe ist sein Metier. Das lyrische Ich dünkt sich nicht klüger als andere. Immer im Dialog mit einem Du, das stets auch der Leser sein kann, spricht es von eigenen Ängsten, Einsamkeit, Irrtümern und Zweifeln. Fragil erscheinen die zwischenmenschlichen Beziehungen. Fricker übt mit seinem Herzen zugleich den Verstand. Die Einheit von Leib, Seele, Geist und Wissen ist erneut im Gespräch.
Die Welt, 11. April 2009



