Deutsche Bäuche

Goethe Klessmann

Eckard Kleßmann untersucht den Begriff Goethes von seinen Zeitgenossen – und umgekehrt. Rezension des Buches “Goethe und seine lieben Deutschen” aus Eichborns Anderer Bibliothek.

Von Christophe Fricker

„Goethe und seine lieben Deutschen“ – da fühlt man sich sofort ertappt, sitzt gerade und erwartet das Urteil des Nationaldichters, der von seiner Nation nicht viel hielt. Er machte sich lustig über ihre ständige Suche nach dem Goethe Klessmann2 170x300 Deutsche Bäuche Nützlichen: „Wenn man ihnen eine Blume zeigt, so fragen sie gleich: Riecht sie? kann man Thee davon trinken? dürfen wir es nachmachen?“ Er spöttelte, weil „sie über allem schwer werden“. Barsch sagte er, sie „haben keinen Geschmack“. „Bierbäuche und Schmauchlümmel“ nennt er sie.

Aber das sind „die Deutschen“, wie Eckart Kleßmanns Buch sie im Titel führt, im Rudel-Plural. Im Singular sieht es anders aus: „Deutschland ist nichts, aber jeder einzelne Deutsche ist viel.“ Goethe schätzte Künstler und Wissenschaftler in Deutschland, die sich um deutsche Staaterei und Politik nicht kümmerten, er respektierte die Sprachgemeinschaft der Volkslieder, die Leser Luthers, Klopstocks und Lessings.

Klingt doch ganz versöhnlich. Kulturmenschen statt Hurra-Nationalisten. Aber heute stellt sich die Frage: Sind Menschen in Deutschland, die Französisch, Englisch oder Türkisch sprechen, für Goethe keine Deutschen? Doch. Sein Interesse gilt weniger der deutschen Sprache als der Sprache überhaupt. Er ereifert sich nicht für die Reinigung der Sprache, sondern für ihre Bereicherung. Er streitet für die Vernetzung der Weltliteratur, für Übersetzer und Reiseschriftsteller. Als „Des Knaben Wunderhorn“ erscheint, regt er eine Fortsetzung der Volksliedsammlung mit Texten aus anderen Sprachen an. Als Studenten über die Einheit Deutschlands diskutieren, wendet er sich Arabien und Persien zu.

tagesspiegel 300x54 Deutsche Bäuche Lesen Sie den Hauptteil der Rezension hier.

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