Zwei kürzlich erschienene Bücher beschäftigen sich mit Freundlichkeit und Liebe — in Zeiten der Suchmaschine und der mangelhaften Freuddeutung.
Freundlichkeit ist wie gute Gedichte: Wer glaubt, ohne sie auskommen zu können, hat sie am meisten nötig. Sie darf nicht durch ideologisch oder bürokratisch verordnete Solidarität ersetzt werden. Die Lage ist aber nicht gerade erfreulich: Moderne Menschen verpönen Freundlichkeit, denn sie sehen sie als Zeichen der Schwäche. Trotzdem sehnen sie sich nach ihr. Die Historikerin Barbara Taylor und der Psychoanalytiker Adam Phillips fragen in ihrem Buch Freundlichkeit, warum das so ist, und plädieren für mehr Freundlichkeit. (Adam Phillips und Barbara Taylor: Freundlichkeit. Diskrete Anmerkungen zu einer unzeitgemäßen Tugend. A. d. Engl. von Susanne Held. Klett-Cotta, Stuttgart. 165 S., 16,90 Euro.)
Rousseau ist das Leitbild der Autoren, der große Verteidiger angeborener Freundlichkeit, die man durch die Erziehung retten muss. Rousseau untersuchte, wie sich das Selbst bildet und stärkt, indem es sich mit den Schwächen und Trieben der Anderen auseinandersetzt, und er erträumte die wunderbare Möglichkeit, sich mit diesen Anderen auszutauschen.
Überzeugend ist die Auseinandersetzung mit Freud. Die Autoren kritisieren, dass für Freud Mitmenschlichkeit, Liebe und Freundlichkeit nur Tarnung für sexuelle Gier sind. Für ihn ist der Mensch nur da Mensch, wo er sadomasochistische Spiele spielt, und er ist verpflichtet, seine eigenen Triebe zu befriedigen. Die Autoren denken diesen Gedanken zu Ende: Unsere einzige Möglichkeit, freundlich zu sein, ist dann, diese Tatsache umstandslos zu akzeptieren. Das ist nicht viel. Phillips und Taylor referieren Freuds Unterstellung, dass wir einen Menschen, den wir idealisieren, mit unseren Eltern gleichsetzen und ihn daher, gemäß dem Inzestverbot, aus unserem Freundlichkeitsbereich verbannen und zum Personal von Masturbationsfantasien degradieren. Die Autoren distanzieren sich geschickt: Dies sei keine Erkenntnis, sondern eine Behauptung, die normativen Charakter angenommen habe, gleichsam zum Mythos des 20. Jahrhunderts geworden sei. Was wir nach einem Jahrhundert der Traumdeutung brauchen, ist also eine sorgfältigere Freud-Deutung.
Meine Rezension des Buches am 13. März 2010 in der WELT, online hier.
Sven Hillenkamps “Das Ende der Liebe” (Klett-Cotta 2009) ist ein brutales, einseitiges Buch. Es berichtet in Anekdoten und Aphorismen von der unendlichen Freiheit des Suchenden, die zum Zwang wird. Wer sich im Café unterhält, sucht schon – wartet da jemand auf mich?
Das Buch behandelt die Frage, ob es in der Ära der Suchmaschine überhaupt noch wahre Liebe geben kann. Werden uns all die “Optionen”, die wir haben, nicht zum Zwang? Man denke daran, was eine “Option” eigentlich ist — “optare” heißt wünschen, Optionen sind Wünschenswertes.
Etwas zu kurz kommt im Buch die Frage, was denn dasjenige eigentlich ist, das da zu Ende geht. Ein Gegenbild hätte sich der am Ende der Lektüre ziemlich verstörte Leser gewünscht. Aber vielleicht bin ich ein zu konstruktiver Mensch.
Meine Rezension des Buches am 22. August 2009 in der WELT, online hier.
Das Foto stammt von Pink Sherbet Photography,
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