Die Gabel abgeben

Die Gabel abgeben

Von Johanna Schuster-Craig

“Rubin argumentiert: ‘Die neuere sexualwissenschaftliche Forschung hat sexuelles Verhalten vergeschichtlicht und eine konstruktivistische Alternative zu sexuellem Essentialismus geschaffen. Die entsprechenden Untersuchungen beruhen auf der Annahme, dass Sexualität gesellschaftlich und historisch konstituiert und nicht biologisch verfügt wird.’ Im Folgenden möchte ich diese konstitutiven Konstruktionalismen untersuchen.”

Gayle Rubin ordnete ihr denkendes, sexuelles Universum mit Hilfe von Linienzeichnungen von Backstein-Mauern und Tortendiagrammen. Bewegliche Wände gerader Steine und Stücke vom Sex/Gender-Käsekuchen. Greif ordentlich zu, kaue, schlucke, und hol dir dann noch mehr. Brich dir einen Zahn ab, wenn du versuchst, einen Backstein zu kauen. Wenn du ihn ausspuckst, bekommst du: eine Million Kontakte und einen Mund, der anfängt zu bluten.
Denken ist eine Backstein-Mauer.
Sex ist ein Kuchen.
Gender ist ein Polo-Hemd. Ein Polo-Hemd, dessen Ärmel zu lang und zu weit sind, der Kater nach einem Aufenthalt in der Herrenabteilung, bevor die dritte Tasse Kaffee es schließlich sonnenklar macht, dass auch die allergrößten Hoffnungen niemals ein Herrenhemd ausfüllen werden. Ein Meter sechzig groß und wenns hoch kommt zweiundachtzig Kilo: Alles, was sie in der Mall verkaufen, ist zu GROSS. Scheiße, wo kaufen eigentlich kleine Männer ihre Sachen? Mix and match, andro-chic, irgendeinen bescheuerten Namen wird es schon geben, der es modisch macht. Du bist obenrum ein Medium-Junge, Größe 10/12, mit einer 71-Zentimeter-Hüfte und Beinen, die ein paar Zentimeter zu lang für die Jeans sind, die sie Teenagern verkaufen. Schmeiß sie nicht in den Trockner, dann gehn sie auch nicht ein. Die Baumwolle soll sich mal locker machen.
Aber dein jugendliches Äußeres leistet dir gute Dienste. Bei deinem jungen Kieferknochen, dem klaren Profil, ist es kein Wunder, dass dir Leute was zu essen machen wollen. Kinder denken, du bist cool, weil du aussiehst wie ein großes Kind, und das ist auf jeden Fall besser als auszusehen wie ein Erwachsener, besonders weil du es nie hinbekommen würdest, resigniert auszusehen. Und wenn du versuchst, mit den Café-Besitzern in Etiler, in Istanbul, Türkisch zu sprechen, dann lächeln sie immer. Sie legen eine starke, dicke Männerhand – die Art von Hand, die du ganz bestimmt nicht hast – auf deine knochige Schulter, kneifen dich und lächeln.
Erwachsene Frauen lächeln dich auch an. Sie versuchen, dich aus der Damentoilette zu befördern, aber sie lächeln dabei und keifen nicht. Du siehst so klein aus, so harmlos, so jung, so nach Junge, dass sie dich anlächeln und dich yavrum nennen, dich bei der Schulter packen und dich den Gang entlang zur anderen führen, zur tuvalet mit deinem Namen drauf. Bay.
In Deutschland keifen sie. Zwölf Mädchen, noch nicht mal Teenager, ganz außer sich, die sich durch deine Anwesenheit auf ihrer Toilette in ihrer Würde angegriffen fühlen, keifen dich an, dass DAS HIER das MÄDCHEN-Kloist, und dann schnappen sie gruppenschockiert nach Luft, wenn du einfach diesen langen, tiefen, gedehnten deutschen Ton loslässt: ja-aaaaaaaaa. Ich. WEISS.
In den USA kannst du sie zum Tanzen bringen. Stell dich einfach da hin, ans Waschbecken, wo sie dich sehen können, wenn sie die Tür aufmachen, und dann gibt es einen Exkrete-Foxtrott: Reinkommen. Gucken. Warten, rumdrehen. Rausgehen, nachsehen, wieder reinkommen. Noch mal. Reinkommen, gucken, warten, rumdrehen, rausgehen, nachsehen, wieder reinkommen.

  • Dies ist ein Ausschnitt aus einem längeren Prosa-Stück zum Thema, an dem Johanna Schuster-Craig derzeit arbeitet. Es soll in der Zeitschrift Belletristik erscheinen. Übersetzung von Christophe Fricker.

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