Bangkok
Auszug aus: Christophe Fricker, Larkin Terminal. Von fremden Ländern und Menschen
Meilensteine auf dem Weg in die entwickelte Welt sind vom Dach des Baiyoke Sky Hotels sichtbar, des höchsten Hotels Thailands. Die Aussichtsplattform dreht sich langsam um das Gebäude, wir lehnen uns gegen eine Reling und beobachten, wie die Stadt in den Sonnenuntergang driftet. Dazu wird Aufzugmusik gespielt. Wir zählen Hubschrauberlandeplätze auf Dächern dort unten, und Rooftop-Partys, und McD-Zeichen. Im Wettbewerb der Langsamkeiten liegt einmal der träge Fluß Chao Phraya, ein andermal Rama IV vorn.
Thanon Khao San und ihre Nachbarstraßen sind das Quartier für die Gilde der Reisenden, vergleichbar den Vierteln für die eine oder andere Handwerkszunft in mittelalterlichen europäischen Städten. Das Viertel ist in einem Stadtmagazin als Sehenswürdigkeit angegeben („incredibly bohemian”, heißt es dort), in einer Reihe mit Chinatown, gleichsam als das ethnische Viertel der Internationalen. Interregionale Flüge sind hierher am günstigsten, Tür an Tür und Terrasse an Terrasse befinden sich Reisebüros, billige Unterkünfte, Visums-Agenturen, Internetcafés und ortskundige andere Reisende. Kaum einer von ihnen ist weniger als drei Monate unterwegs. Selten reisen mehr als zwei zusammen. Ein Amerikaner gesteht, sich zwar an jedem Tag etwas vorzunehmen, denn eine Besichtigung oder Tour gebe ihm das Gefühl, eine Mission zu verfolgen. Er schaffe es aber selten, sie zu erfüllen. Ein Brite berichtet, daß er eine Woche lang auf Lombok bleiben mußte, weil er am ersten Tag einen solchen Sonnenbrand bekam, daß er seinen Rucksack nicht mehr aufsetzen konnte. Er hat seit sieben Wochen die Kleider nicht gewaschen, als wir ihn treffen.
Unsere Gespräche drehen sich meist um Logistisches. Welcher Ort wie zu erreichen ist, was man wo bezahlen muß. Ich frage, ob es sich lohnt, nach Myanmar zu fahren, und die höchste und von manchen einzige als Empfehlung vorgebrachte Auskunft ist: „It’s so cheap.“
Eins der Reisebüros bietet Rundreisen an, die unter anderem Addis Abeba, Aden, Sanaa, Mogadiscio, oder auch die zentralasiatischen Hauptstädte Ashkabad, Taschkent, Samarkand, Bischkek und Duschanbe einschließen. Auf meine Nachfrage hin erklärt der Agent, Mogadiscio werde derzeit ausgelassen. Es sei bei keiner Airline mehr im Programm. Das werde sich aber bald ändern. Zu meiner Beruhigung fragt er besorgt nach, ob ich wirklich nach Somalia wolle.
Das größte Antiquariat auf Thanon Khao San hat den Charakter einer Universitätsbibliothek. Klassiker und Reiseliteratur machen einen Großteil des Sortiments aus. Bruce Chatwin wird hoch gehandelt. Ich kaufe eine Ausgabe der Gesammelten Gedichte von Octavio Paz. Sie wird im Lauf der nächsten Wochen zum lädiertesten Buch, das ich besitze. Ein Museum moderner Kunst könnte es als Emblem für die verschleißende Wirkung von Mobilität interessieren. Ich stelle mir den weißen Band in einer Vitrine vor, dessen Rücken auf einer Truckfahrt gebrochen ist, dessen Seiten sich wellen, seit sie am offenen Fenster vom einsetzenden Monsun gesprenkelt wurden.
Besser geschützt gegen alle Arten eindringender Flüssigkeiten, sei es der Schweiß, der in die Wadentasche diffundiert, sei es Niederschlag oder die Langzeitwirkung von schwüler Luft, ist Deutschlands Paß. Er ist einer der wenigen mit einem festen Umschlag. Da ich meinen Ausweis immer in meiner Cargohose trage, ist sein Umschlag bald abgerieben. Wappen und der Name meines Herkunftslandes sind verschwunden.
- Foto der Skyline von Bangkok von Mark Myles Shelford.



