Ingrid Meyerhof-Goering

Ingrid Meyerhof-Goering

 Ingrid Meyerhof GoeringAn ihrem Wohnort in Halifax habe ich Ingrid Meyerhof, die Tochter des expressionisten Dramatikers Reinhard Goering, besucht. Sie erzählte mir von ihrem Vater, seinen Ideen und endlosen Spaziergängen, und von ihrem eigenen Leben zwischen den Sprachen und Kontinenten. Mich beeindruckte ihre handfeste, standfeste Art und ihr untrügliches Urteilsvermögen.

Sie steht in der offenen Tür: Ingrid Meyerhof-Goering, neunzig Jahre alt und ganz da in diesem Augenblick. Sie stehe “am Ausgang des Lebens, in einem Alter, wo man genug gesehen hat.” In ihrer festen Stimme klingt aber kein Wille zum Abschiednehmen mit, sondern das ruhige und so seltene Bewusstsein, den eigenen Rhythmus selbst bestimmen zu können. Seit zwanzig Jahren wohnt sie in Halifax, der Hauptstadt der kanadischen Provinz Nova Scotia. Nach dem Tod ihres Mannes zog sie um, in ein Zimmer mit Meerblick. Damit ist sie zufrieden: “Ich kann den Mond und die Vögel sehen, das konnte ich früher nicht. Sowas gibt doch ein angenehm freies Gefühl.”

Die Sonne scheint herein, und wir entscheiden uns zu einem Spaziergang. Ingrid zieht ihre Schuhe an, hilft sich dabei mit einem metallenen Schuhlöffel. Der sei “aus Flugzeugen”, sagt sie. Nach dem Krieg habe man Schrott wieder in alles mögliche Nützliche verwandelt. Ein Anzeichen für den Willen zum Weiterleben – und für die Kraft dazu. Aber witzig sei es schon, sich vorzustellen, dass dieser Schuhlöffel einmal durch die Luft gefolgen sei. In der kalten, klaren Märzluft treten wir auf die Straße, an deren Seiten sich glänzend schwarzer Schnee kniehoch hält. Wir passieren die Filialen der immer gleichen Ketten. Der haligonische Winter ist noch lange nicht vorbei, und so sind die Bäume kahl. Auf dem Gehsteig liegen hingeworfene Flaschen. Am Hafen erstreckt sich ein gigantischer Parkplatz für die Gäste des Westin-Hotels, für die wenigen, die am Bahnhof in den Zug steigen, und vor allem für den Megamarkt. Möwen fliegen um uns herum, und Enten verrichten ihr Geschäft des scheinbar ziellosen Herumwatschelns am Ufer.

Entschiedenen Schrittes geht Ingrid mir voran. Sie kennt ihre Wege. Dass ich nicht nur an ihrem Vater interessiert bin, sondern auch an ihrem eigenen Lebensweg durch das quälend lange 20. Jahrhundert, verwundert sie zunächst. Aber die Erzählung muss in der Kindheit anfangen und damit beim Vater. “Es kommen auch Irrtümer vor”, warnt Ingrid und genießt zugleich die Aussicht, Erinnerungen aufzufrischen.

  • Möchten Sie weiterlesen? Das Porträt wurde hier veröffentlicht als Vorabdruck aus Larkin Terminal.
  • Foto von Federica Belluccini.