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Manuel R. Goldschmidt (1926-2012)
“A world dies when a person dies”, beginnt ein Gedicht von Dick Davis. Manuel R. Goldschmidt ist gestorben, und auch mit ihm geht eine Welt zuende. Diese Welt war Dichtung und Freundschaft. 1926 in ein großbürgerlich-künstlerisches Haus in Berlin geboren, lernte Manuel, der damals noch Fritz hieß, durch seinen jüdischen Vater die Farbenpracht von Pontormo und Bronzino schätzen. Mit seinem Bruder Peter, der später ein bemerkenswerter Maler und Zeichner wurde, studierte er die Kunstbücher seiner Eltern. Als Förderer und Sammler der Expressionisten war Vater Goldschmidt auch der Moderne gegenüber offen. Manuel lernte, dass Kreativität und Produktivität nicht nur zur Vergangenheit gehören.
1937 musste er Deutschland verlassen. Der Dichter, Radioredakteur und humanistische Schriftsteller Wolfgang Frommel half ihm und anderen Jugendlichen, in Amsterdam unterzutauchen. Dabei war auch Claus Victor Bock, der über diese Zeit seinen Bericht “Untergetaucht unter Freunden” schreiben würde. Das Zimmer, in dem die Jugendlichen nun Jahre verbringen sollten, gehörte der Malerin Gisèle van Waterschoot van der Gracht, die, heute 99-jährig, noch immer im selben Haus wohnt.
Die Herausforderungen der Kriegszeit waren vielfältig: Schutzmechanismen entwickeln, um nicht aufzufallen, Wehrmacht und Gestapo in die Hände zu fallen, abtransportiert zu werden; Essen organisieren, um nicht zu verhungern; und sich beschäftigen, um auf dem eng begrenzten Raum nicht wahnsinnig zu werden. Frommel entwickelte ein Bildungsprogramm, einen Kunstalltag aus Lesen, Interpretieren, Übersetzen und Zeichnen, aus Meditation und Ritual, aus gestaltender Erinnerung und Hoffnung, der seine Schützlinge so sehr beeindruckte, dass Manuel später sagte, der Krieg sei die schönste Zeit seines Lebens gewesen.
Die geistige Welt, die Frommel sich und seinen Jungs erschloss, war diejenige von Stefan George. Dieser deutsche und europäische Dichter, gestorben 1933, hatte in seinem Werk nach Wegen gesucht, einer von Gier, Aufmerksamkeitsdefiziten und Umweltzerstörung getriebenen Moderne etwas entgegenzusetzen. George war nicht nur ein Kritiker, sondern in erster Linie ein lobender Dichter, der die Freude an der Fülle der Welt und der Schönheit der Tradition feierte und fruchtbar machte. Er brachte auf der Grundlage dieses künstlerischen Werks Menschen miteinander ins Gespräch und erinnerte sie daran, dass ihre Wahrnehmung des Reichtums der Welt sie verpflichtete, sich ihr dankbar und produktiv zu stellen.
Manuel, Wolfgang Frommel und ein nach dem Krieg stets wachsender Kreis von Menschen widmeten sich dieser Aufgabe. Die Zeitschrift CASTRVM PEREGRINI wurde gegründet. Während Frommel die großen Linien vorgab und unermüdlich durch Europa reiste, um Leser und Autoren zu gewinnen, übernahm Manuel zahlreiche logistische Aufgaben. Er war ab 1955 de facto der Herausgeber und bis kurz vor dem Ende der Zeitschrift 2008 Mitglied der Redaktion.
Seine Freunde liebte Manuel aus voller Seele. Die Achtung, die er ihnen im häuslichen Alltag und auf Reisen entgegenbrachte, übertraf oft zunächst ihre Selbstachtung. Das Ziel von Manuels Freundschaft war nicht er selbst. Seine Freundschaft hatte eine Aufgabe, ein Vorhaben, eine Richtung. Im gemeinsamen Blick auf einen Michelangelo, im gemeinsamen Lesen von George, im Gespräch über Orpheus und Algabal erfüllte sie sich.
Manuel war kein Netzwerker. Mit ihm las man keine Kalender. Sein Gespür für das Substanzielle war sein Maßstab. Wenn er den Eindruck hatte, dass ein Gespräch sich erschöpfte, beendete er es, ohne abrupt zu werden. Als er merkte, dass er keine Gedichte mehr schreiben konnte, litt er, aber er zwang sich nicht. Nach dem Tod seines Freundes Claus spürte er seine Kräfte schwinden. Er zwang sich nicht zum Leben, sondern nahm von seinen Freunden Abschied. Er hielt auch sich selbst nicht mehr fest.
Geht nun eine Welt zuende? Ja, wir sind alle ärmer geworden, die wir bei ihm saßen, mit ihm Campari tranken, auf das Rheintal hinabschauten, durch Italien brausten, Georges “Lied” und “Die Becher” lasen. Werden wir wieder in solcher Ruhe mit einem Menschen zusammenkommen? So einfach von uns selbst erzählen dürfen, in eine so weite Geschichtenwelt einziehen dürfen?
Dass an der Trauerfeier viele teilnahmen, alle Generationen vertreten waren, viele Nationen und Berufe, gibt uns Hoffnung.
- Foto (Michelangelo, Sklave) von House of Hall.



