Dick Davis

Dick Davis

Epitaph

I betrayed and I was betrayed.
Wistful for righteousness I added to
The world’s evil. Invoke me shade
With gentleness; this grief will be yours too.

Epitaph

Ich betrog und ich ward betrogen,
Sann nach Richtigkeit und mehrte nur
Die Übel der Welt. Sei mir gewogen,
Gedenkst du mein; so trauern wirst auch du.

  • Dick Davis: Devices and Desires. New and Selected Poems 1967-1987, London: Anvil, 1989, S. 67. Deutsche Übersetzung von Christophe Fricker.
  • Davis auf Deutsch unter anderem in Krachkultur, Zeichen & Wunder und Castrum Peregrini. Mehr Informationen hier.
  • Ein ausführliches Porträt von Dick Davis steht in Larkin Terminal. Ich habe auch in den Zeitschriften Merkur, The Owl und The New Compass über Dick Davis geschrieben.

Gedanken zur modernen Dichtung

Regeln zu brechen ist gut und schön, aber ich bin mir ziemlich sicher, daß gute Dichtung, wie Yeats sagt, aus der “Faszination des Schwierigen” kommt. Nichts ist leichter als das Brechen von Regeln, aber es ist manchmal sehr schwer, sich an eine zu halten. Und sich an viele zu halten, ist noch um vieles schwerer. Es ist im übrigen auch sehr viel schwerer, etwas wirklich Sinnvolles zu schreiben als ein spektakuläres Non sequitur. Um Valéry zu bemühen: “Ein Dichter ist jemand, der durch die Schwierigkeiten seines Handwerks inspiriert wird.” Und da wir nun schon im Frankreich des beginnenden 20. Jahrhunderts sind, zitiere ich auch Proust: “Wie viele Dichter haben ihre besten Zeilen aus dem Kampf um einen Reim gewonnen?” Als Zugabe noch ein letztes Zitat, diesmal von Auden: “Ein Hoch auf alle metrischen Regeln, die automatische Fortsetzungen unmöglich machen und uns statt dessen zum Nachdenken anregen, uns von den Fesseln des Selbst befreien.”

Ich will damit sagen, daß wir die Schwierigkeiten von Dichtung wohl an falscher Stelle gesehen haben. Eliots berühmtes Diktum, dass “Dichtung in unserer Zivilisation, so wie sie heute ist, schwierig sein muss”, scheint mir das Pferd von hinten aufzuzäumen. Dichtung war schon immer schwierig – für den Dichter. Schwierigkeit gehört zur Meisterschaft in jedem Tun, und früher haben sich die Dichter meist an die Empfehlung von Horaz und Yeats gehalten, diese Schwierigkeit so gut wie möglich zu verbergen. Heute aber soll Dichtung schwierig für den Leser sein. Ein wichtiger, vielleicht sogar der Hauptgrund dafür ist, daß die Dichtung der Wissenschaft in die Fänge geraten ist. Es kann kein Zufall sein, dass das Studium volkssprachlicher Dichtung an Universitäten fast haargenau zur selben Zeit begann wie die Herausbildung der charakteristischen Eigenschaften zeitgenössischer Dichtung. Moderne Dichtung bedarf der Erläuterung, ihre metrische Struktur kann oft nur erraten werden, und sie entstand, als das Studium volkssprachlicher Dichtung zum Fach wurde. Neue Dichtung, die keiner Erläuterung bedurfte, die eine klare Bedeutung und ein regelgerechtes Metrum besaß und obendrein eine gebildete (nicht unbedingt akademisch ausgebildete) Leserschaft, wurde von den Professoren mit Verachtung gestraft – und wird es von vielen heute noch.

  • Auszug aus dem Aufsatz “Zur Zukunft der Dichtung”, abgedruckt in “Living Together” — Die amerikanischen Dichter Edgar Bowers, Dick Davis und Timothy Steele, Heft 274-275 der Zeitschrift Castrum Peregrini.