Robert B. Shaw
The Future Perfect
It will be recognizable: your neighborhood,
with of course some of the bigger trees
gone for pulp and the more upscale houses
sporting new riot-proof fencing which
they seem hardly to need in this calm sector
whose lawns look even more vacuumed than they used to.
Only a soft whirr of electric automobiles
ruffles unburdened air. Your own house looks
about the same, except for the solar panels.
Inside, the latest occupants sit facing
the wall-size liquid crystal flat TV screen
they haggle and commune with, ordering beach towels
or stockings, or instructing their stockbrokers,
while in the kitchen dinner cooks itself.
Why marvel over windows that flip at a touch
from clear to opaque, or carpets that a lifetime
of scuffs will never stain? This all was destined,
down to the newest model ultrasound toothbrush.
Only the stubborn, ordinary ratio
of sadness to happiness seems immune to progress,
and it will take more time than even you
have at your disposal to find out why.
The same and not the same, this venue fascinates,
spiriting you through closed familiar doors
on random unremarkable evenings when
you will have been gone
for how long? – Just a bit longer than your successors
have had to make these premises their own.
However much their climate-controlled rooms
glow vibrant with halogen, they will not see you.
But they may wonder why, for no clear reason,
they find their thoughts to often drawn to the past.
Vollendete Zukunft
Du wirst sie noch erkennen: deine Straße,
Natürlich fehlen ein paar von den größeren Bäumen,
Die Zellstoff wurden, und die teureren Häuser
Prahlen mit neuen krawallsicheren Zäunen,
Die in so ruhiger Gegend fehl am Platz scheinen,
Wo die Rasen noch steriler scheinen als früher.
Ein leises Surren nur, von Elektroautos,
Kräuselt die sorglose Luft. Dein eigenes Haus
Hat sich nicht verändert, nur das Solardach ist neu.
Die neuen Bewohner sitzen drinnen vor
Dem wandbreiten flüssigkristallflachen Fernsehschirm,
Feilschen und reden mit ihm, bestellen Strümpfe
Und Badetücher, beauftragen Börsenmakler,
Das Essen kocht sich in der Küche selbst.
Wer sollte über Fenster staunen, die
Sich bei Berührung verdunkeln, über den Teppich,
Den nie ein Schritt verschmutzt? Das ist das Schicksal,
So wie die neuste Ultraschallzahnbürste.
Nur das sture, hergebrachte Verhältnis von
Trauer zu Glück ist gegen den Fortschritt immun,
Und es würde länger dauern als selbst du
Zeit hast, die Gründe dafür herauszufinden.
Dich fesselt dies gleiche Haus, das anders wurde,
Dich durch verschlossne vertraute Türen zaubert
An irgendeinem stinknormalen Abend, da du
Wie lang nun schon
Nicht mehr hier warst? Etwas länger als die Neuen
Brauchten, um sich das alles anzueignen.
Wie hell in ihren temperierten Zimmern
Das Halogen auch glüht, sie sehn dich nicht.
Sie fragen sich vielleicht nur, warum sie
So vieles an die Vergangenheit erinnert.
- Robert B. Shaw: Solving for X. Athens, OH: Ohio UP, 2002, S. 1-2. Deutsche Übersetzung von Christophe Fricker.
Eine Einladung
Am Anfang von Robert B. Shaws neuestem Gedichtband, Solving for X (Athens, 2002), kehren wir in ein Haus zurück, wo wir einmal wohnten. ‚The Future Perfect’ hält kleine Veränderungen fest, die wir beobachten, und vermittelt ein Gefühl eigenartiger, unheimlicher und doch auch tröstlicher Beständigkeit. Der erste Vers schlägt den Ton an: „It will be recognizable, your neighborhood“. Dieses Gefühl begleitet uns bei der Lektüre des Bandes: Die Gedichte bilden ein kenntliches, verständliches Gebiet, das wir durchaus als unsere Heimat betrachten dürfen. Shaws Gedichte sind für Leser geschrieben, nicht nur für die Literaturwissenschaft. Seine Themen sind einleuchtend: eben das Haus, in dem man einmal gewohnt hat, der Stumpf eines Baumes, der vielleicht dort im Garten steht, Stilleben mit Früchten, Familienbesuche, Wartezimmer, Schneepflüge, und die Augen des Sturms, des Pfauen und anderer Erscheinungen unserer Welt. Damit, mit dieser Lyrik, läßt sich gut leben. Sie bietet Orientierung, und ist dabei nie langweilig. Die Sorgfalt der Beobachtung und das liebevoll Gescheite anschließender Überlegungen laden den Leser zu Erkundungsgängen ein.
- Dies ist der Beginn meiner Einleitung zu Robert B. Shaws Gedichtband Solving for X, die in der Münchner Zeitschrift Neue Sirene (Heft 21, S. 109-111) erschienen ist.



