Timothy Steele
A Short History of Post-structuralism
Words don’t match things, and authors are erased;
Reality reflects the theorist’s taste.
Yet, to the grief of all, the text fights back,
Whether it’s Hamlet, Emma, or Iraq.
Eine kurze Geschichte des Poststrukturalismus
Das Wort paßt nicht zum Ding, der Autor fehlt,
Und wirklich ist, was theoretisch zählt.
Doch leider, leider folgt der Gegenschlag
Des Textes: Hamlet, Emma und Irak.
- Timothy Steele: Toward the Winter Solstice. New Poems, Athens, OH: Swallow Press / Ohio UP, 2006, S. 47. [Nr. 3 aus den "Sad Epigrams"] Deutsche Übersetzung von Christophe Fricker.
- Steele auf Deutsch unter anderem auf poetenladen.de, in Zeichen & Wunder und Castrum Peregrini. Mehr Informationen hier.
- Außerdem habe ich im Merkur über Timothy Steele geschrieben.
Formen von Dichtung
In der jüngeren Generation amerikanischer Dichter schien sich in den 1970er Jahren niemand sich für Form zu interessieren. Als 1979 mein erstes Buch erschien, zitierte und beschrieb der Rezensent der Hudson Review, Richmond Latimore, eines der Gedichte als „hoffnungslos und wunderbar altmodisch“. Im College hatte ich Latimores Übersetzung der Ilias gelesen, und so freute ich mich darüber, daß er das Gedicht wunderbar fand. Einen kleinen Stoß versetzte mir aber das ‚hoffnungslos’. Wenn ich metrisch und gereimt schrieb, kam ich mir manchmal wie eine lebende Leiche vor.
Glücklicherweise änderte sich die Lage in den Achtzigern. Es wurde klar, daß hier und da auch andere jüngere Dichter in traditionellen Formen arbeiteten. Schrittweise wurden unsere Werke bekannter und zu meiner und sicher auch ihrer Überraschung informierten uns die Kritiker darüber, dass wir eine Bewegung seien: New Formalism. Ich habe ein literaturgeschichtliches Buch veröffentlicht, Missing Measures: Modern Poetry and the Revolt against Meter, in dem ich die Annahmen und Bedingungen untersuche, die zum Bruch der modernen Dichtung mit dem Metrum führten. Wenn das Buch ein Jahrzehnt früher erschienen wäre, hätte es niemand zur Kenntnis genommen. In den frühen Neunzigern wurde es aber engagiert rezensiert und diskutiert. Selbstredend war es vielen unrecht, dass ich Fragen über die Rolle der Form in der Dichtung stellte, und nicht alle Besprechungen waren positiv. Aber wenigstens beschäftigten sich die Dichter wieder mit Metrum, Reim und Versbau.
Denn gibt es irgend etwas anderes als Dichtung, Dichtung im Sinne traditioneller Kunst, das Sprache und Denken tanzen lassen kann, und das alle Arten von Worten und Ideen in einem harmonischen Ganzen zusammenbringt? Gibt es irgend eine andere Tätigkeit, die uns so fest, auf jener so grundlegenden Ebene von Rhythmus und Musikalität, mit dem ganzen Projekt menschlicher Kultur verbindet? Ich glaube nicht. Und so will ich Primo Levi zustimmen: Metrum, Reim und Strophe sind zu schön, um zu verschwinden.
- Auszug aus dem Aufsatz “Formen von Dichtung”, abgedruckt in “Living Together” — Die amerikanischen Dichter Edgar Bowers, Dick Davis und Timothy Steele, Heft 274-275 der Zeitschrift Castrum Peregrini.




