Die Zeitschrift German Quarterly fragte ihre Leser, vor allem amerikanische Germanisten, warum Studenten und Wissenschaftler überhaupt Texte übersetzen sollen und warum man Übersetzungen in den Sprachunterricht einbauen soll. Meine Antwort:
Im März 2007 kritisierte der Autor eines Leserbriefs an die englische Zeitung The Guardian die Abschaffung verbindlichen Fremdsprachenunterrichts an englischen weiterführenden Schulen. Der Leser fragte: “Aber warum auf halbem Wege stehen bleiben? Man sollte als Ersatz Kurse anbieten in ‘Laut Englisch sprechen und dabei wild gestikulieren’.” In unserem Alltag als Sprachdozenten sind wir mit dem Vorurteil vieler Amerikaner konfrontiert, daß die ganze Welt Englisch spricht und sie kein Deutsch brauchen, und mit dem Vorurteil vieler Deutscher, daß sie selbst Englisch sprechen. Wenn wir auf diese Vorurteile eingehen, indem wir “fremde” Sprachen unterrichten, werden wir immer auch Übersetzung unterrichten. Zum Beispiel indem wir auf das Schild hinweise, daß am Frankfurter Flughafen stand: “Damit die Zukunft schneller kommt”. Die englische Übersetzung direkt darunter lautete: “We apologize for any inconvenience.”
Es wird die Meinung vertreten, daß Übersetzungsunterricht eine frustrierende Angelegenheit sei, weil sie uns ständig mit Unmöglichem konfrontiert. Aber wie Barbara Folkart überzeugend ausgeführt hat, ist das Unübersetzbarkeits-Mantra “just plain wishful thinking on the part of those who ‘can’t’”, eine Wunschvorstellung derer, die es halt nicht können. Übersetzung ist ein Handwerk und eine Kunst, und im Sprachunterricht ist sie so befriedigend wie notwendig. Lassen Sie mich drei Gründe dafür kurz ansprechen: (1) Beim Übersetzen lotet der Leser verschiedene in einem Text angelegte Bedeutungsebenen eines Wortes, Absatzes oder eines ganzen Textes aus. Die daraus sich ergebende Frage, “was heißt das eigentlich ?” ist die Basis philosophischer Arbeit (Politeia) und hat als kritische Praxis nicht Ihresgleichen. (2) Dazu kommt, daß Übersetzung bei Studenten das Gefühl von Verantwortlichkeit stärkt: Plötzlich sind sie für die Worte eines anderen Menschen verantwortlich, sie werden zum Zeugen der Erfahrungen und Identität eines anderen. In diesem Zwischenraum muß die Balance zwischen Verstehen und Schaffen gefunden werden — eine Balance, wie sie in politischen, literarischen und wirtschaftlichen Diskursen ständig im Spiel ist. (3) Wer beim Übersetzungen diese Balance findet und halten kann, erfährt ein befriedigendes Gefühl, wie es ein Autor selten erlebt: das Gefühl, etwas angemessen ausgedrückt zu haben.
- Barbara Folkart, “The Valency of Poetic Imagery,” Translation translation, ed. and with an introduction by Susan Petrilli, Amsterdam: Rodopi, 2003, S. 487-506, hier S. 494.
- Englische Fassung erschienen in The German Quarterly 81 (2008): 4, S. 490-491.
- Foto “Lost in Translation” von tochis, copyright
