Studienabbrecher geht nach Berlin …

Studienabbrecher geht nach Berlin …

Christopher Isherwoods Jugenderinnerungen erstmals auf deutsch

Christopher Isherwood stammte aus der englischen Oberschicht, wo man sich in Aphorismen und Adjektiven unterhält; Substanz und Substantive wären aufdringlich. Als Abiturient hatte er, wie seine Klassenkameraden auf der Privatschule in Repton, einen jüngeren Schüler als Leibdiener, als „fag“. „Fags“ heißen aber auch Zigarettenstummel und Schwule. Von allen dreien ist in Isherwoods Jugenderinnerungen die Rede, aber immer so diskret, wie er es gelernt hat, wie er es in Cambridge praktizierte und wie er es bald zu verachten begann. „Löwen und Schatten“ ist die mit entwaffnender Ehrlichkeit, fast beispielloser Eleganz und völlig ohne Bitterkeit geschriebene Geschichte einer Abstandnahme. Immer wieder hebt Isherwood an seinen Freunden und Bekannten ihren Takt hervor, und auch er selbst beweist ihn. Die Konturen sind aber nie verschwommen, denn der Abschied gelingt – am Ende des Buches, im Jahr 1929, fährt der Autor nach Berlin, wo er die Textgrundlage für das Musical „Cabaret“ schreiben wird.

Isherwood Studienabbrecher geht nach Berlin ...

Christopher Isherwood: "Löwen und Schatten", erschienen bei Berenberg 2010.

Erzogen wird er in Repton zunächst von Mr. Holmes, „endlos rücksichtsvoll und raffiniert“, der jeden Standpunkt und sein Gegenteil vertreten kann, damit die Schüler zum Denken kommen. Dem adoleszenten Anwurf, alle Institutionen seien von Übel, hält er entgegen, das hänge davon ab, wie man Institution definiere. Seine distanzierte Doppelbödigkeit färbt ab: Isherwoods Kommilitone Chalmers (gemeint ist Edward Upward) erhält einen Preis für ein Gedicht über die Selbstversenkung der kaiserlichen Flotte bei Scapa Flow, in dem Deutschland nur einmal und die Flotte gar nicht vorkommt. In Frankreich tut er etwas Entschiedenes, indem er „den Hut vor einer Dame zog, eine Dose Tabak kaufte, einem Fremden die richtige Uhrzeit nannte“. Die großen Themen „Liebe, Metaphysik, romantische Liebe“ dürfen dagegen nur spöttisch behandelt werden.

Holmes gibt den Jungs den Rat, bei ihren Aufnahmeprüfungen in Cambridge vor allem als Gentlemen aufzutreten. Isherwood und Upward halten davon nichts: Die Stadt sei die „Architektur der Nacht selbst“, die Colleges (keines wird beim Namen genannt) werden von einer „Junta“ beherrscht, die sie vernichten will: „Zum Tee würden sie uns einladen. Wir mußten auf der Hut sein.“

Lesen Sie hier weiter.

Related posts:

  1. Stefan George nach der Odenwaldschule
  2. Berlin bis Beijing — Larkin Terminal in den Medien
  3. Und jetzt: Auf nach Rutgers!
  4. Das schöne Auge des Betrachters
  5. Pressestimmen