Die Zeitschrift German Quarterly fragte ihre Leser, vor allem amerikanische Germanisten, warum Studenten und Wissenschaftler überhaupt Texte übersetzen sollen und warum man Übersetzungen in den Sprachunterricht einbauen soll. Die Antwort von Ann Marie Rasmussen auf dieser Seite, die Antwort von Christophe Fricker hier:
And now this is ‘an inheritance’ –
Upright, rudimentary, unshiftably planked
In the long ago, yet willable forward
Again and again and again.
Mit diesem zweistrophige Gedicht beginnt Seamus Heaneys meisterhafte Übersetzung des altenglischen Beowulf. Der text wurde etwa im Jahr 900 geschrieben. Im Prozeß der Übersetzung treffen und unterhalten sich zwei große Geister, zwei Meister der Wortkunst – in Ihrer Gegenwart! Ihr Gespräch versammelt den langen Zeitraum von tausend Jahren in einen vergänglichen, aber wiederholbaren Moment der „beständigen Gegenwart“ (Heaney).
Vielleicht die schwerste der Übersetzung auferlegte Bürde ist, daß sie in ihr Zentrum nichts als das Werk selbst stellen kann. Das ist, denke ich, die Vorbedingung jeder Übersetzung, und diese Vorbedingung steht im Gegensatz zu dem Trend, das ‚Kunstwerk‘ aus dem Brennpunkt wissenschaftlicher und überhaupt konzentrierter Beschäftigung zu entfernen. Um bei Heaneys Metapher zu bleiben: Mittelalterliche Dichtung, Epik und Romanzen begegnen uns in vorgeformter Gestalt. Darauf spielt Heaney in seinem Gedicht mit dem historisch präzise situierbaren Bild eines Wikingerschiffs an. Die Metaphor läßt anklingen, daß ein literarisches Werk ein aus sprachlichem Material konstruiertes Objekt ist, das ein bestimmtes Gewicht hat. Wenn das Material, die Sprache, in der und für die es gebaut wurde, nicht mehr lebendig ist, stellt sich die Frage: verschwindet die Literatur ebenfalls in die Ferne und, bestenfalls, die Schattenexistenz als Gedankenspielplatz für Stubengelehrte?
In Heaneys Metapher steht das Schiff für das Kunstwerk. Schiffe werden gesegelt. Was aber kann ein literarisches Werk durch die Zeit vorwärts bewegen? Die Antwort ist: die konzentrierte, zielbewußte, intensive Arbeit, das Wollen einer Übersetzung. Jede Übersetzung, auch die befriedigendste und erfolgreichste, opfert einige Aspekte der Komplexität eines Originals, um andere Aspekte einzufangen. Weil Sprache und Kultur sich ständig weiterentwickeln, muß diese Balance immer neu erarbeitet werden. Die Arbeit des Übersetzens ist nie abgeschlossen. „Wieder und wieder und wieder“, schreibt Heaney. Tatsächlich. Es gibt dutzende Übersetzungen des Beowulf, und in der Zukunft werden wieder neue nötig sein. Die Teilung dieses Gedichts in zwei Strophen formalisiert die Trennung zwischen Original und Übersetzung. Ich kenne keinen besseren Weg, in monolingualen amerikanischen Studenten Verständnis dafür zu erwecken, wie außerordentlich dynamisch die englische Sprache ist, als sie eine Passage aus Heaneys Beowulf-Übersetzung, die sie besonders schätzen, in fünf anderen Übersetzungen nachschauen zu lassen. Jede Generation braucht – und verdient – ihre eigene Übersetzung, und glücklich ist, wer die jeweiligen Stärken verschiedener abwägen kann.
- Siehe auch hier.
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Ann Marie Rasmussen beschäftigt sich seit drei Jahrzehnten mit der mittelalterlichen Welt nördlich der Alpen. Ihre derzeitigen Schwerpunkte sind obszöne Darstellungen an der Schnittstelle zwischen religiöser und säkularer Welt sowie das Weiterleben mittelalterlicher Vorstellungen in der Moderne. Ann Marie Rasmussen ist Professorin für ältere deutsche Literatur an der Duke University.