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Krise der Mitte // DSA Braunschweig 2017

Die Krise der Mitte bringt unsere Lebenserzählung durcheinander. Für Menschen der Mitte wie mich stellt sich die Frage: Warum habe ich den Aufstieg extremer Bewegungen in den letzten beiden Jahren nicht kommen sehen?

Beruflich, persönlich und auch als Dozent widme ich mich dieser Frage – im zusammen mit Geschäftspartnern und Kunden wie mit Studentinnen und Studenten. Und im Sommer 2017 auch im Rahmen der Deutschen Schülerakademie, wo ich mit Jens Berger ein drittes Mal einen Kurs gebe, diesmal zum Thema „Wo ist die Mitte? Veränderungen des gesellschaftlichen Mainstreams und der politischen Extreme“.

Der Kontext: Um uns herum spüren wir es, hören wir es, lesen wir davon: Die Mitte ist weg. Einst fest in unseren Mythos von Gemeinschaft und Gesellschaft eingekerbte Vorstellungen davon, was normal ist – maßvoll, erstrebenswert, was sich gehört – geraten ins Wanken. Die darauf basierenden Einrichtungen, einst von Eliten als Impfung gegen die Wiederkehr gerade überstandener Katastrophen entworfen, gehörten zum Wertefundament einer funktionierenden Gesellschaft. Sie bröckeln: Die Volksparteien verlieren das Volk, die Große Koalition wird klein, die Kirchen werden zu Gremien, die Gewerkschaften sind längst kein Kampfverband mehr, der öffentlich-rechtliche Rundfunk und die überregionalen Zeitungen werden als Lügenpresse verschrien, die Konzertkultur ist in der Krise. Was unserer Elterngeneration Hoffnung machte – neue soziale Bewegungen, dezentrale NGOs – wurde entweder zum Opfer des eigenen Erfolgs oder muss ebenfalls um Zustimmung ringen.

Denn wo Maß, Mitte und Mainstream, wo Alternativen, Wandel und Wende waren, machen sich Entfremdung und Gewalt(bereitschaft) breit. Die Sozialen Medien – Echokammern in den Händen großer Konzerne, deren gesellschaftspolitische Gestaltungsinstrumente als Geschäftsgeheimnisse gehütet werden – verändern Deutschland, Großbritannien, die Vereinigten Staaten und andere westliche Nationen, verändern Europa.

Stimmt das alles? Abseits des Kulturpessimismus wird im Kurs ein analytischer Blick auf die sozialen Trends der letzten Jahre geworfen, um die eben vorgetragenen Thesen zu überprüfen. Welche Funktion hatte »die Mitte« als Konzept in der Bundesrepublik Deutschland? Wer definierte sie, und wie groß war sie eigentlich einmal? Und dann: Wie groß ist die Tragweite der aktuellen Veränderungen? In welchen Diskursen äußern sie sich – und wo? Welche Formen der Auseinandersetzung lassen sich beobachten? Welche wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, welche moralischen Überzeugungen und welche Stile und Lebensgefühle kommen zum Vorschein, wenn denn die Mitte schwindet?

Der Kurs widmet sich dem Thema von drei Seiten: Theoretische Konzepte und Erklärungsansätze aus Politikwissenschaft und Soziologie sowie die teilweise zugrunde liegenden Fundamental- und Umfragedaten werden untersucht. Konkrete Manifestationen der »alten« und der kurzzeitig so populären »neuen Mitte« sowie jener Bewegungen, die sich heute von ihr absetzen, werden analysiert, wobei Vokabular, Tonfall, Strukturen und Denkfiguren in den Blick kommen und nach unausgesprochenen Annahmen zu fahnden ist. Drittens werden in aktiven Phasen Aspekte der gesellschaftlichen Selbstwahrnehmung ausgelotet. Mit Umfrage, Debatte und Planspiel wird aus dem Seminar ein Gegenwartslabor, das sicher auch den beiden Kursleitern hilft, in einer unübersichtlichen Gemengelage Orientierung zu gewinnen und die Krise der Mitte besser zu verstehen.

 

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