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Lernet-Holenias „Ich war Jack Mortimer“: eine Interpretation

Ich war Jack Mortimer ist der Titel eines Romans von Alexander Lernet-Holenia, und es ist der letzte Satz dieses Romans. In einem Vortrag auf der Lernet-Holenia-Konferenz, die Prof. Dr. Oliver Jahraus, Dr. Margit Dirscherl und Dr. Michaela Raß kürzlich im Münchner Lyrik Kabinett ausrichteten, habe ich gefragt, was dieser Satz bedeutet. Meine fünf Argumentationschritte bezogen sich auf die Problemfelder, die der Satz „Ich war Jack Mortimer“ eröffnet: Fragen nach der Identität einer Person im Alltag, dem Erlebnis des Außerordentlichen und der Sicht eines Dritten.

Im Rahmen der spezifischen Heuristik eines Romans untersucht Alexander Lernet-Holenia Identität und Mitsein darauf hin, welche Gestaltungsmacht „ich“ in der Moderne habe, ob „ich“ im Alltag verschwinden kann, ob „ich“ auch ein bestimmter Anderer sein kann und was dann mit „mir“ passiert.

„Ich war Jack Mortimer“ – wo ich sagen muss, wer ich bin, ist meine Identität in Frage gestellt. Die so markierte Explizierung ist ein Krisenzeichen, das die fraglose Selbstverständlichkeit des Alltags – zuweilen durchaus produktiv – unterbricht. Für diese komplexe Verschränkung von Selbstverständlichkeit, Aufmerksamkeit und Kompetenz ist, disziplinär gesprochen, die Phänomenologie zuständig; meine Untersuchung stützte sich insbesondere auf das Werk von Bernhard Waldenfels. Ich habe versucht zu analysieren, inwiefern der Protagonist von Ich war Jack Mortimer, der Taxifahrer Ferdinand Sponer, sich seiner Umwelt oder sich selbst zeigt, bemächtigt, entfremdet oder entzieht und durch diese methodische Grundierung das Thema Identität, das in der Lernet-Holenia-Forschung seit Langem diskutiert wird, neu zu beleuchten.

Jede These zur Selbstverständlichkeit des Alltags und zur Krisenhaftigkeit markierter Explizierungen muss am Medium Text und an der Gattung Roman geprüft werden, für die die Explizierung konstitutiv ist. Implizite Romane gibt es nicht. Wichtig ist vor allem, dass für den Roman eine Unterscheidung zwischen Gesamttext, Erzählerstimme und Figurenperspektive in Anschlag gebracht werden kann. Insofern müssen wir fragen, inwiefern der Erzähler es uns ermöglicht, Ferdinand Sponers Identitätskrise zu erkennen – die ja nur im Roman statthat. Die Phänomenologie muss sich also mit der Narratologie verbünden, ihr Vorgehen steht unter einem narratologischen Vorbehalt; insofern stellt das phänomenologisch orientierte Analysemodell keine Abkehr von der ästhetischen Dimension des Sprachkunstwerks Roman dar.

Worum geht es in dem Roman? Ferdinand Sponer ist ein Taxifahrer, der am Wiener Westbahnhof einen Fahrgast aufnimmt, um ihn zum Hotel Bristol zu fahren. Dort fast angekommen, stellt er fest, dass der Mann tot ist. Er gerät in Panik, weil er vermutet, dass man ihn für den Mörder halten wird und dass er dies deshalb nicht glaubhaft abstreiten kann, weil er den Mord gar nicht bemerkte. Zwei Versuche, Polizisten auf sich aufmerksam zu machen, scheitern. Die Zeit rennt. Sponer beschließt, die Leiche verschwinden zu lassen und die Rolle des Mannes einzunehmen, der ausweislich seiner Papiere Jack Mortimer hieß. Er wirft die Leiche in die Donau und checkt selbst im Bristol ein, um am nächsten Morgen „abzureisen“, damit der Anschein entsteht, Mortimer sei dagewesen, womit Sponer entlastet wäre. Spät abends trifft aber Winifred im Hotel ein, Jack Mortimers Geliebte, dicht gefolgt von ihrem eifersüchtigen Ehemann Montemayor. Sie trifft auf Sponer, der flieht zu seiner Freundin Marie und beauftragt sie, Geld aus seiner Wohnung zu holen, damit er sich ins Ausland absetzen kann. Marie wird von der inzwischen alarmierten Polizei aufgehalten und kehrt nicht, wie erwartet, bald zurück, sodass Sponers Panik sich verstärkt. Er kehrt daher nun seinerseits ins Bristol zurück, um sich ins Unvermeidliche zu fügen und sich als Mortimers Mörder der Polizei zu stellen. Die Polizei verhört dort Winifred, die gerade ihren Mann erschossen hat. Sponer scheitert in dieser angespannten Situation ein drittes Mal daran, die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich zu lenken. Er geht zu der sozial über ihm stehenden Marisabelle, die ihm eine Liebesnacht gewährte, weil sie davon ausging, dass er den Mord begangen hatte und ins Gefängnis gehen würde; da er nun eingesteht, es nicht gewesen zu sein, verstößt sie ihn. So geht er wieder zu Marie, die ihn fragt, was er denn nun eigentlich getan hat. Er antwortet: „Ich war nur auf dem Weg zu dir. Ich war Jack Mortimer.“

Der Text meines Vortrags wird 2019 im Tagungsband erscheinen. Vielen Dank den Ausrichtern für die Einladung und die spannende Tagung!

 

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